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Österreich diagnostiziert Mädchen mit ADHS systematisch zu spät

Mit 39 hörte ich das Wort zum ersten Mal – in meine Richtung. Was eine späte ADHS-Diagnose wirklich kostet, steht in unseren Biografien.

Österreich diagnostiziert Mädchen mit ADHS systematisch zu spät

Ich war 39, als jemand das Wort zum ersten Mal in den Raum legte - in meine Richtung. ADHS. Es war der Diagnostiker, der gerade meinen Sohn mit ADHS diagnositziert hatte. Er frage beiläufig, "Und was ist mit Ihnen?". Ich schaute ihn verdutzt an. Er ergänzte, "Naja, ADHS ist zu einem erheblichen Teil vererbt; von wem hat er´s denn, von Ihnen oder vom Papa?". Ich habe nur verlegen gelacht. Ich? Eine Psychologin mit Magisterabschluss, einem eigenen Unternehmen, vier Kindern und einer Liste an erledigten Dingen, die jeden Lebenslauf füllt. Ich war doch das Gegenteil von dem, was ich in den Lehrbüchern gelesen hatte. Aber auch bei meinem Sohn hätte ich das bis vor kurzem nicht für möglich gehalten. Er war doch nicht unaufmerksam und auch nicht besonders hyperaktiv, jedenfalls nicht, so wie ich mir Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität vorgestellt hätte. Aber bei der Testung trat auch eine überdurchschnittliche Begabung zu Tage... also vielleicht, hat er das nur gut kompensiert. So begann es in meinem Gehirn zu rattern; mein Interesse war geweckt, dieses Rätsel musste ich lösen.

Es dauerte noch ein Jahr zur eigenen schrifltichen Gewissheit; klar war es mir schon früher. Vorher allerdings durchlief ich noch mit meinen Mädchen den Diangnostikprozess, denn das war mir sehr schnell bewusst.. sie sollen nicht durchs Raster fallen, weil sie Mächen sind und so gut performen; diesmal soll es anders werden.

Die Rechnung, die niemand ausstellt

Manche Rechnungen stehen nicht auf Papier

Eine späte Diagnose hat einen Preis, und der wird nirgends sauber beziffert. Er steht nicht auf einer Rechnung, die das Gesundheitssystem ausstellt. Er steht in unseren Biografien.

Bei mir steht er in den Beziehungen, an die ich mich geklammert habe, obwohl jede Faser meines Körpers längst wusste, dass sie mir schaden; in den Jahren, in denen ich mir erklärt habe, ich sei einfach zu intensiv, zu viel, zu empfindlich - irgendwie kaputt - und mir gleichzeitig zu wenig zugetraut habe, irgendwo Grenzen zu setzen. Er steht in der Erschöpfung, die ich für meinen Charakter gehalten habe. Und er steht, ganz konkret, im Geld, das ich nicht verdient oder nicht behalten habe, aufgrund einiger Umwege, die ich gegangen bin und falscher Entscheidungen, die ich getroffen habe.

Die britische Konsensstudie von Susan Young und Kolleginnen (2020) hat die konkrete Zahl dazu: Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose im Median 4,9 Jahre später als Männer. Fast fünf Jahre, in denen das System sie behandelt, aber nicht versteht. Fünf Jahre Antidepressiva gegen ein Problem, das tiefer liegt, fünf Jahre Therapie an der falschen Stelle, fünf Jahre, in denen jemand dir sagt, du müsstest nur besser strukturieren, achtsamer sein, mehr auf dich achten, und du es ehrlich versuchst und nicht verstehst, warum es bei dir nicht greift.

The Insight

Frauen mit ADHS erhalten ihre Diagnose im Median 4,9 Jahre später als Männer und werden in dieser Zeit überdurchschnittlich häufig wegen Depressionen oder Angststörungen behandelt, ohne dass die Grundursache adressiert wird.

Das sind Karriereentscheidungen, Partnerwahlen, Kinderwünsche, Wohnortwechsel, die unter falschen Vorzeichen getroffen werden, Beziehungen, in denen wir bleiben, weil wir glauben, mit uns selbst stimme grundlegend etwas nicht, und Geld, das wir nicht verhandeln, weil wir schon froh sind, überhaupt zu funktionieren. Über die finanzielle Dimension dieses Funktionierens habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben, in Die ADHS-Steuer frisst Geld, das du nie ausgeben wolltest. Hier interessiert mich, wie es dazu kommen kann.

Der Prototyp im Kopf der Diagnostikerin

Wenn du dir einen Menschen mit ADHS vorstellst, was siehst du? Dei meisten würden so oder so ähnlich antworten... einen Jungen, acht Jahre alt, zappelig, laut, lehrerinnenfeindlich. Einer, der im Klassenzimmer sofort auffällt. Nicht das stille Mädchen in der dritten Reihe, das alles richtig macht, alle Hausaufgaben hat und trotzdem nachts mit Magenschmerzen wachliegt, weil es nicht weiß, wie es den Schultag morgen überstehen soll.

Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Basel (Bruchmüller et al., 2012) hat 473 Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen identische Fallvignetten vorgelegt. Identisch bis auf den Namen. Leon bekam signifikant häufiger eine ADHS-Diagnose als Lea. Die Symptome waren dieselben. Der Unterschied lag im Kopf der Diagnostikerin.

Die Symptome waren dieselben. Der Unterschied lag im Kopf der Diagnostikerin.

Das ist eigentlich ein wirklich erschreckender Befund: Wir entscheiden nicht nach Kriterien, wir entscheiden nach Prototypen. Und der ADHS-Prototyp ist männlich, hyperaktiv, externalisierend. Mädchen, die ihre Aufmerksamkeit nach innen verlieren statt nach außen, die nicht stören, sondern verstummen, fallen aus dem Bild. Und wenn sie dann auch noch gute Noten haben, gilt das nicht als Hinweis auf hohe Kompensationsleistung, sondern als Entwarnung. Ich war eine gute Schülerin, bis ich es nicht mehr war, und niemand ist auf die Idee gekommen, dass mein Zusammenbruch in der Oberstufe etwas anderes sein könnte als pubertäre Verwirrung.

Dass die Diagnoseinstrumente selbst überwiegend an männlichen Stichproben validiert wurden, macht aus dieser Schieflage keinen individuellen Fehler einzelner Klinikerinnen. Es macht sie zur Architektur. Eine Forschungslandschaft, in der Mädchen und Frauen jahrzehntelang nicht ausreichend mitgedacht wurden, produziert Werkzeuge, die Mädchen und Frauen nicht erkennen können! Und dann wundern wir uns, dass Frauen erst mit 40 in die Praxis kommen.

Was Funktionieren kostet

Das Absurdeste an meiner eigenen Geschichte ist, dass ich Psychologin bin. Ich hätte es wissen müssen. Ich hatte das Wissen auf dem Papier und trotzdem ein vollkommen schiefes Bild von dem, was ADHS bei einer Frau wie mir aussehen würde. Wenn schon ich von selbst nie darauf gekommen wäre, wie soll dann eine Hausärztin darauf kommen, die zwölf Minuten Zeit hat und ein Patientinnengespräch nach dem nächsten.

Was Kliniker*innen bei uns sehen, ist meistens das Ergebnis jahrzehntelanger Kompensation. Wir sind die, die im Job überperformen und privat zusammenbrechen, die in Meetings brillant moderieren und zu Hause keine Wäsche aus der Maschine bekommen, die für andere wahnsinnig kluge Lösungen finden und sich gleichzeitig in Beziehungen verlieren, in denen jeder Außenstehende sofort sähe, was schiefläuft. Diese Diskrepanz ist das logische Ergebnis eines Nervensystems, das alle verfügbaren Ressourcen ins Außen steckt und im Innen leer dasteht.

Ich habe das jahrelang für meine schwierige Kindheit gehalten. Die erklärt einiges, aber nicht alles. Sie erklärt nicht, warum ich strukturell, immer wieder, in dieselben Muster gerutscht bin, obwohl ich sie längst durchschaut hatte. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Trauma, das man bearbeiten kann, und einer Verdrahtung, die einfach anders läuft. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Und wenn nur eines davon gesehen wird, läuft die Behandlung, zumindest zum Teil, ins Leere.

Ein widersprüchliches Leben ist oft einfach ein Nervensystem, das jahrzehntelang nach außen funktioniert hat und nach innen keine Sprache hatte.

Der Umweg über die Krise

Wie kommen Frauen wie wir ins System? Selten direkt. Meistens über eine Tür, hinter der schon etwas brennt. Eine Erschöpfungsdepression, eine Angststörung, die plötzlich nicht mehr wegzuatmen ist, ein Burnout nach der zweiten Karenz, eine Essstörung, die seit der Pubertät dahindümpelt und mit Mitte 30 zurückkommt. Oder, und das ist der häufigste Türöffner meiner Generation: das eigene Kind bekommt eine Diagnose, und plötzlich liest man Symptomlisten und denkt, Moment mal.

Das ist die reaktive Logik, in die wir gedrängt werden. Das System wartet, bis genug kaputtgegangen ist, dass es sich nicht mehr ignorieren lässt. Dann behandelt es das, was am lautesten schreit, oft die Komorbidität, nicht die Grundlage. Und Frauen mit ADHS haben Komorbiditäten in einem Ausmaß, das einen wütend machen müsste, wenn man bedenkt, dass es auch anders hätte laufen können. Wer fünf Jahre lang gegen Depressionen behandelt wird, die aus einer unerkannten Neurodivergenz wachsen, verliert nicht nur Zeit. Sie verliert auch das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Wenn die Therapie nicht greift, muss ja ich das Problem sein.

Reflexion

Welche deiner alten Diagnosen oder Erklärungen für dich selbst kämen heute, mit deinem jetzigen Wissen, anders auf den Tisch?

Was uns das System schuldet

Ich will hier nicht fordern, dass einfach mehr diagnostiziert wird, als wäre das die Lösung. Das Problem ist nicht, dass zu wenig diagnostiziert wird, sondern dass falsch hingeschaut wird. Eine geschlechtersensible Diagnostik wäre der Anfang: Diagnoseinstrumente, die Inattention und Masking erfassen statt nur Hyperaktivität abzufragen, eine klinische Ausbildung, die den weiblichen Prototyp explizit lehrt, weil er gegen den männlichen ankommen muss, und Selbstberichte, die als valide Quelle anerkannt werden statt als unzuverlässige Erinnerung abgetan zu werden. Und für Österreich konkret: Erwachsenendiagnostik, die nicht monatelange Wartezeit hat und nicht aus eigener Tasche bezahlt werden muss, weil das genau die Frauen rausfiltert, die ohnehin schon am Limit verdienen.

Was uns das System schuldet, ist nicht Mitleid und auch nicht das Versprechen, dass die nächste Generation es besser haben wird, obwohl das wirklich zu hoffen ist. Was es uns schuldet, ist die Anerkennung, dass wir nicht kaputt waren in all den Jahren, in denen es uns nicht gesehen hat. Dass die widersprüchlichen Lebensläufe, die zusammengebrochenen Beziehungen, die unterbezahlten Karrieren, die zu spät verlassenen Wohnungen keine Charakterzeugnisse sind, sondern die logische Folge einer Lücke, die andere zu verantworten haben.

Ich bin 42, alleinerziehend, vier Kinder, und ich räume immer noch auf, was zwanzig Jahre falsch verstandenes Funktionieren angerichtet haben. Manche Tage gelingt das mit einer Klarheit, die ich vorher nicht kannte. Manche Tage bin ich einfach nur müde. Beides ist erlaubt. Beides ist die Rechnung, an der ich noch lange zahlen werde und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin.

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Deep Dive

Häufige Fragen

Mädchen zeigen ADHS häufig ohne ausgeprägte Hyperaktivität – stattdessen dominieren innere Unruhe, Tagträumen und starkes Kompensationsverhalten. Da die klassischen Diagnosekriterien historisch an Buben entwickelt wurden, fallen Mädchen im österreichischen Gesundheitssystem systematisch durchs Raster, besonders wenn sie schulisch gut performen.

Die Kosten einer Spätdiagnose sind selten monetär bezifferbar, aber real: Jahrelange Fehlbehandlungen mit Antidepressiva, Therapien am falschen Ansatzpunkt und berufliche Umwege summieren sich zu erheblichen finanziellen und emotionalen Verlusten. Hinzu kommen Beziehungsschäden und eine chronische Erschöpfung durch jahrelanges Kompensieren ohne Erklärung.

Laut der britischen Konsensstudie von Susan Young und Kolleginnen (2020) erhalten Frauen ihre ADHS-Diagnose im Median 4,9 Jahre später als Männer. Diese fast fünf Jahre bedeuten in der Praxis oft mehrere Fehldiagnosen – am häufigsten Depression oder Angststörung – bevor die eigentliche Ursache erkannt wird.

Bei Frauen und Mädchen äußert sich ADHS oft als emotionale Intensität, Überanpassung, sozialer Rückzug und innere Gedankenflut statt als sichtbare Impulsivität oder motorische Unruhe. Dieses sogenannte Masking – das unbewusste Verbergen von Symptomen – führt dazu, dass betroffene Frauen lange als 'zu sensibel' oder 'überfordert' abgestempelt werden, anstatt eine passende Diagnose zu erhalten.

Mütter, die selbst (spät) mit ADHS diagnostiziert wurden, sollten bei auffälligem Kompensationsverhalten, emotionaler Dysregulation oder schulischem Underperforming trotz hoher Intelligenz aktiv eine neuropsychologische Abklärung für ihre Töchter einfordern. Da ADHS zu einem erheblichen Teil genetisch ist, lohnt es sich, den Diagnostikprozess frühzeitig anzustoßen – und explizit nach dem weiblichen Symptomprofil zu fragen.

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