Wenn Selbstfürsorge zur nächsten Aufgabe wird, ist nicht deine Disziplin das Problem, sondern ein System, das Empowerment in Arbeit verwandelt.
Du hast dich frei geplant.
Um sieben Uhr Pilates, um neun Uhr Strategiecall, mittags ein Mentoring für jüngere Kolleginnen, nachmittags Budgetverantwortung, abends ein Panel über weibliche Führung. Dazwischen beantwortest du Mails ohne Ausrufezeichen, weil Klarheit bei Frauen schnell wie Härte gelesen wird. Auf dem Heimweg hörst du einen Podcast über Grenzen, und während du die Einkaufstasche in die Küche stellst, denkst du: Ich müsste mich besser um mich kümmern.
Ich kenne diesen Gedanken "Ich müsste mich besser um mich kümmern" und ich mag ihn sogar, weil er nach Verantwortungsübernahme und Selbstachtung klingt; im Grunde nach einer Frau, die sich ernst nimmt.
Doch dann sehe ich, wie oft genau dieser Gedanke zur nächsten Aufgabe wird.
Du sollst verdienen, führen, netzwerken, investieren, Grenzen setzen, deine Wut regulieren, deine Glaubenssätze prüfen, deinen Zyklus kennen, deine Sichtbarkeit erhöhen, deine Ruhe kultivieren und dabei bitte solidarisch bleiben. Feministinnen unter Leistungsdruck sollen das System verändern und gleichzeitig in ihm glänzen.
Wenig verwunderlich, dass viele irgendwann erschöpft sind.
Wenn Empowerment wie Arbeit aussieht

Ich habe lange gebraucht, um meine eigene Ambivalenz ernst zu nehmen. Ich liebe Räume, in denen Frauen über Geld sprechen. Ich glaube an Coaching, Therapie, Weiterbildung, Verhandlungstraining, Mentoring, an innere Arbeit und an äußere Klarheit und ich habe caramelread gegründet, weil ich wollte, dass Frauen Worte für das bekommen, was sie oft nur als diffuses Unbehagen spüren.
Trotzdem finde ich ein gewisses Misstrauen angebracht, wenn jedes feministische Anliegen plötzlich als Produkt verkauft wird.
Ein Workshop für mehr Selbstbewusstsein, ein Kurs für bessere Sichtbarkeit, ein Retreat für weibliche Führung, ein Workbook für deine Money Mindset Journey, ein Blazer, der angeblich Power ausstrahlt, ein Journal mit Goldprägung, in das du deine Begrenzungen eintragen darfst, damit du sie anschließend wegmanifestierst... ein Schelm wer böses dabei denkt.
Ich will keinesfalls damit sagen, dass all das nicht hilfreich sein kann. Manchmal braucht es genau diesen Raum, diesen Satz, diese Stunde mit einer Frau, die dich daran erinnert, dass du mehr verlangen darfst. Wer schon einmal in einer Gehaltsverhandlung den eigenen Puls im Hals gespürt hat, weiß, dass gute Vorbereitung wirklich einen Unterschied machen kann.
Aber irgendwo zwischen Selbstfürsorge und Selbstvermarktung hat sich etwas verschoben.
Wenn aus jedem feministischen Anliegen ein Produkt wird, gewinnt zuerst der Markt.
Was mich daran stört... der Markt macht aus echten politischen Problemen persönliche Aufgaben und verkauft dir dann die passenden Werkzeuge. Schlechte Bezahlung sollst du mit Money Mindset bearbeiten, fehlende Kinderbetreuung mit besserer Planung und eine Unternehmenskultur, die Frauen ungleich Männern und härter bewertet, mit einem Kurs über Durchsetzungskraft.
Und weil wir klug sind, ambitioniert und unglaublich lösungsorientiert, greifen wir zu; wir wollen ja handlungsfähig bleiben.
Der Girlboss war nie nur eine Frau
Die Kritik an Girlboss-Erschöpfung wirkt auf manche ausgelutscht. Der Begriff selbst klingt nach Instagram-Zitat, Start-up-Mythos und pinker Tasse im Concept Store, aber die Figur ist noch da, auch wenn sie heute anders heißt.
Heute heißt sie Female Founder, High Performer, Conscious Leader, unabhängige Frau mit klaren Routinen. Sie kennt ihre Werte, trinkt Wasser, investiert monatlich in ETFs und antwortet auf sexistische Kommentare mit souveräner Gelassenheit. Sie ist die ideale Konsumentin eines Feminismus, der niemandem weh tut, solange sie nur sich selbst optimiert.
Nancy Fraser beschreibt mit dem Begriff des progressiven Neoliberalismus eine Allianz, die genau das aufzeigt: Anerkennung, Diversität und Selbstverwirklichung verbinden sich mit Marktlogik, während Fragen von Umverteilung, Arbeitszeit, Löhnen und sozialer Absicherung leiser werden. Vielfalt darf bestehen, solange sie keine Kosten und kein echtes Umwohlsein verursacht.
Im Büro sieht das dann oft so aus...
Die Firma postet am Weltfrauentag ein Foto von lächelnden Mitarbeiterinnen. Am nächsten Tag verhandelt eine Frau über ihr Gehalt und hört, dass gerade leider kein Budget da sei. Es gibt ein internes Frauennetzwerk mit Frühstück, aber keine Transparenz bei Beförderungen. Eine Senior Managerin erzählt auf LinkedIn, wie wichtig Mut ist, und ihre Assistentin organisiert nebenbei noch den Kuchen für den Abschied eines Kollegen.
Der Widerspruch ist offensichtlich, aber niemand spricht ihn aus.
Warum gerade ambitionierte Frauen so leicht mitmachen
Viele Frauen, die ich kenne, durchschauen diese Mechanismen. Sie sind politisch wach, feministisch gebildet, kritisch gegenüber Unternehmen, die Diversität als Dekoration verwenden und trotzdem sitzen sie sonntagabends vor dem Laptop, bauen noch schnell eine Präsentation um und sagen sich: Nur diesmal.
Das hat mit Persönlichkeit zu tun, aber weniger, als wir glauben. Wer in einem System aufsteigt, lernt dessen Sprache. Wenn Leistung Anerkennung bringt, wenn Anpassung Sicherheit bringt und wenn Widerspruch soziale Kosten hat, prüfen viele Frauen ständig: Bin ich gut genug? War ich zu direkt? Habe ich die Chance verdient?
Verinnerlichte Unterdrückung klingt als Begriff vielleicht krass, beschreibt aber einen sehr alltäglichen Vorgang. Dabei wird ein Teil der äußeren Bewertung zur eigenen, inneren Stimme. Frauen müssen dann gar nicht mehr offen gebremst werden, weil sie vieles selbst vorwegnehmen. Sie entschuldigen klare Forderungen automatisch, erklären ihre Kompetenz ausführlicher als nötig und lesen vor einem Meeting noch drei Artikel, obwohl sie längst genug wissen.
Warum das bei manchen Frauen besonders eng mit Leistung verbunden ist, habe ich in Selbstwert durch Leistung ausführlicher beschrieben. Hier geht es um den politischen Punkt: Selbstkritik bindet Energie, die dann für Kritik am System fehlt.
Und ja, ich schreibe das mit einer unangenehmen Selbsterkenntnis.. ich habe auch schon geglaubt, ich müsse nur noch etwas klarer werden, etwas besser vorbereitet und weniger empfindlich sein. Wie praktisch für alle anderen, wenn ich den Fehler zuerst bei mir suche.
Die Erschöpfung hat Daten
Die Robert Walters-Studie 2026 spricht von Promotion Burnout: Jede zweite Frau in Führungspositionen leidet demnach unter Erschöpfung durch den Druck, beruflich aufzusteigen und gleichzeitig gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Jede zweite! Es geht hier nicht um eine kleine Gruppe überambitionierter Frauen mit schlechtem Zeitmanagement, sondern um ein Muster.
Diese Zahl ist dabei wenig abstrakt für mich; ich bin eine von zwei Frauen. Ich bin die Frau, die in der Früh ihr Kind noch schnell zur Betreuung bringt und dabei schon eine Sprachnachricht an ihr Team diktiert. Ich kenne auch die Frau persönlich, die im Meeting freundlich bleibt, obwohl ihr Vorschlag erst überhört und später von einem Kollegen wiederholt wird oder die, die abends noch eine Nachricht von der HR Abteilung liest, in der steht, man wolle ihre Entwicklung weiter beobachten und dann googelt: „Wie werde ich strategischer wahrgenommen?“
Natürlich gibt es Frauen, die aufsteigen und Strukturen verändern - zum Glück. Wir brauchen Frauen in Machtpositionen, in Vorständen, politischen Ämtern, Redaktionen, Aufsichtsräten und an allen Tischen, an denen über Geld entschieden wird. Das heikle dabei ist: wenn der Preis für diesen Aufstieg dauerhafte Überlastung ist, feiern wir manchmal die Ausnahme und sehen die Kosten nicht.
Feministische Erschöpfung ist strukturell, wenn sie aus widersprüchlichen Erwartungen an uns Frauen entsteht.
- Sei durchsetzungsstark, aber verbindlich.
- Sei sichtbar, aber bescheiden.
- Führe, aber bedrohe niemanden.
- Verdiene gut, aber rede bitte geschmackvoll darüber.
- Kümmere dich um dich selbst, aber falle niemandem zur Last.
Zwischen Frauen, Perfektionismus und Gesellschaft gibt es diese hässliche Verbindung; Perfektionismus wirkt dann wie ein persönlicher Charakterzug, obwohl er oft eine Antwort auf viel zu enge Spielräume ist.
Wer davon profitiert
Die Bilanz ist relativ schlicht: Viele profitieren davon, wenn Frauen ihre Erschöpfung als privates Optimierungsproblem behandeln.
Unternehmen profitieren, weil sie Resilienzprogramme anbieten können, ohne Arbeitslast, Gehaltsstrukturen oder Beförderungslogiken ernsthaft zu verändern. Der Coaching- und Selfcare-Markt profitiert, weil jede Unsicherheit eine neue Methode verträgt. Medien profitieren, weil die Geschichte der einzelnen Frau, die es trotzdem geschafft hat, besser klickt als ein trockener Text über Lohntransparenz.
Auch das Patriarchat profitiert, auch wenn es heute meist kein rauchender Mann in einem Ledersessel mehr ist. Es zeigt sich im Budget durch nicht entlohnte Mehrleistung oder in der zusätzlichen Beziehungspflege die Frauen so selbstverstöndlich leisten und dabei noch dankbar wirken. Es gewinnt besonders elegant, wenn es Frauen zustätzlich dazu bringt, die Arbeit an sich selbst für Befreiung zu halten.
Ich muss es nochmal betonen, bitte versteht mich da nicht falsch: Therapie halte ich für unglaublich bereichernd, egal für welches Geschlecht. Lernen wie man Grenzen setzt - ja auf jeden Fall. Coaching kann auch lebensverändernd sein, wenn es die Realität dabei nicht weichzeichnet. Ich arbeite selbst in diesem Feld und ich weiß, wie viel sich verändern kann, wenn eine Frau sich selbst wieder ernst nimmt und dabei nicht Kindheitserfahrungen in erwachsenen Beziehungen reinszenieren muss, weil sie unverarbeitet und unbewust geblieben sind.
Die, meiner Meinung nach, wichtige Frage hier lautet: wofür nutzen wir diese Arbeit?
Wenn Selbstentwicklung dich klarer macht für eine Verhandlung, für eine Kündigung, für eine kollektive Forderung, für ein Nein zu unbezahlter Zusatzarbeit, dann dient sie deiner Freiheit. Wenn sie dich vor allem dazu bringt, dich an unfaire Bedingungen noch geschmeidiger anzupassen, hat jemand anderes mehr davon als du.
Was echter Feminismus kosten würde
Echter Feminismus ist teuer. Genau deshalb verkauft er sich schlechter als Empowerment mit Rabattcode.
Er kostet Unternehmen Geld, weil faire Gehälter, transparente Beförderungen, Elternzeitmodelle für alle Geschlechter und echte Vertretungsstrukturen nunmal ihren Preis haben. Er kostet Macht, weil Entscheidungen überprüfbar werden. Er kostet Bequemlichkeit, weil Männer, Führungskräfte und Organisationen Verantwortung übernehmen müssten, die bisher überwiegend Frauen tragen.
Und ehrlicherweise kostet er auch uns etwas... das Gefühl, dass wir alles allein lösen können, die Identität der Frau, die sich durch jede Wand arbeitet oder den Stolz darauf, noch zu funktionieren, wenn andere längst aufgehört hätten.
Vielleicht ist genau das der schmerzhafteste Teil.
Denn persönliche Entwicklung fühlt sich kontrollierbar an. Ich kann ein Buch kaufen, eine Session buchen, meinen Kalender ändern, meine Sprache trainieren. Struktureller Wandel ist langsamer, frustrierender und weniger instagrammable. Man kann ihn schlechter in hübsche Module teilen und letztendlich weniger stark beeinflussen.
Trotzdem beginnt er oft mit einem sehr einfachen aber wichtigen Satz: Ich behandle dieses Problem ab jetzt nicht mehr als meine private Angelegenheit.
Das heißt nicht, dass du deinen Kurs stornieren, deine Therapeutin verlassen oder deine Morgenroutine beenden musst. Es heißt, dass du genauer hinschaust, wem deine Anpassung nützt. Es heißt, dass du im Meeting öfter über Ressourcen sprichst und nicht nur über Motivation; dass du fragst, nach welchen Kriterien befördert wird; dass du Gehaltstransparenz ernst nimmst, oder dass du dich mit anderen Frauen verbindest, ohne aus jeder Begegnung ein weiteres Netzwerkziel zu machen.
Und manchmal heißt es, am Abend keinen feministischen Podcast mehr zu hören, sondern eine Nachricht an die Kollegin zu schreiben: „Wollen wir das gemeinsam ansprechen?“
Hol dir, was dir zusteht, aber glaub dem Markt nicht, wenn er dir erzählt, Befreiung beginne und ende bei der besseren Version von dir selbst. Vielleicht beginnt sie dort, wo du aufhörst, jede Zumutung mit Arbeit an dir selbst zu beantworten.


