Finanzpsychologie & Geld 7 Min Lesezeit

Wie Frauen still aus ihrem eigenen Geld verschwinden

Mag. Liz Matisovits
Mag. Liz Matisovits

28. März 2026

Wie Frauen still aus ihrem eigenen Geld verschwinden

Mit 54 ihr erstes eigenes Konto. Was wie ein Einzelfall klingt, ist ein Muster – und es hat einen hohen Preis.

Ich gehe den Text systematisch durch und suche nach den sechs definierten Mustern.

Gefundene Muster:

  1. „Das sind keine abstrakten Prognosen. Das sind Lebensverläufe, die gerade entstehen." → Muster 1
  2. „Ein eigenes Konto ist kein Misstrauensvotum gegenüber dem Partner. Es ist ein Sicherheitsnetz." → Muster 1
  3. „Nicht aus Desinteresse. Als Schutzreaktion." → Muster 3

Sie ist 54, als sie zum ersten Mal alleine in einer Bankfiliale sitzt. Ihr Mann hat vor drei Wochen die Scheidung eingereicht, nach 25 Jahren. Vor ihr liegt ein Formular für ein Girokonto - ihr erstes eigenes. Die Beraterin fragt, ob sie ein Gehaltskonto möchte. Sie weiß nicht, was sie antworten soll. Sie hat seit Jahrzehnten kein eigenes Gehalt mehr.

Was sie hat: zwei erwachsene Kinder, ein Haus das jetzt verkauft werden muss, und keinen blassen Schimmer, wie viel in der gemeinsamen Altersvorsorge liegt. Ob überhaupt etwas liegt.

Ich erzähle das, weil es mir so ähnlich begegnet - in Beratungen, in Gesprächen mit Freundinnen, in Nachrichten von Leserinnen. Immer wieder diese Variante derselben Geschichte. Und immer wieder dieser Moment, in dem eine Frau merkt, dass sie aus ihrem eigenen Finanziellen verschwunden ist. Schleichend, irgendwann, ohne dass sie es so entschieden hat.

Was die Zahlen sagen - und was sie verschweigen

8 von 10 österreichischen Frauen in Partnerschaften wollen finanziell unabhängig sein. Das klingt ermutigend. Bis man den zweiten Satz liest: 36 % sind es faktisch nicht. Bei Männern sind es 14 %. In Deutschland sieht es ähnlich aus - 60 % der Frauen überlassen finanzielle Entscheidungen ihren Partnern, laut einer UBS-Studie unter 3.700 vermögenden Frauen in neun Ländern. Nur 23 % entscheiden selbst.

Und 63 % der deutschen Frauen zählen finanzielle Unabhängigkeit zu ihren wichtigsten Lebenszielen.

Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist nicht klein. Sie ist strukturell. Und sie hat Konsequenzen, die sich in einer einzigen Zahl verdichten lassen: 39,7 Prozent. So viel weniger Pension erhalten Frauen in Österreich im Jahr 2025 im Vergleich zu Männern - das ist der Gender Pension Gap, gemessen am Equal Pension Day. In Deutschland beziehen Frauen im Schnitt nur 47 % der Altersbezüge eines Mannes, wenn man alle drei Säulen der Altersvorsorge zusammenrechnet. Bis 2036 soll die Altersarmutsquote in Deutschland von 16 auf 21,6 Prozent steigen. Frauen werden überproportional betroffen sein.

Hinter diesen Zahlen stecken Lebensverläufe, die gerade entstehen.

Warum wir es trotzdem tun

Ich will an dieser Stelle keine Erklärung anbieten, die sich wie Vorwurf anfühlt. Die Muster, die Frauen in finanzielle Abhängigkeit führen, sind nicht das Ergebnis von Naivität oder Gleichgültigkeit. Sie sind das Ergebnis einer langen Sozialisation.

Mädchen werden seltener in Finanzgespräche einbezogen als Jungen. Taschengeld, Aktien, Steuern - das sind in vielen Familien noch immer Themen, die Söhne früher lernen, Töchter später oder gar nicht. Diese frühe Weichenstellung prägt, was Psychologen Selbstwirksamkeitserwartung nennen: die Überzeugung, ob man in einem Bereich handlungsfähig ist. Wer nie gelernt hat, dass Geld auch ihr Thema ist, entwickelt diese Überzeugung schlicht nicht.

In Partnerschaften kommt dann die mentale Arbeitsteilung hinzu. Paare entwickeln implizite Rollen - er macht die Steuern, sie organisiert den Alltag mit den Kindern. Das fühlt sich effizient an, weil es das auch ist. Aber während die eine Seite dieser Arbeitsteilung sichtbar ist und gewürdigt wird, verkümmert auf der anderen Seite etwas still: Finanzkompetenz, Überblick, Selbstvertrauen im Umgang mit Geld. Ein schleichender Prozess, der oft erst in der Krise sichtbar wird.

Martin Seligman hat dieses Muster als erlernte Hilflosigkeit beschrieben: Wer wiederholt erlebt, dass seine Entscheidungen korrigiert, belächelt oder übergangen werden, zieht sich irgendwann zurück. Als Schutzreaktion, die von außen betrachtet manchmal wie freiwillige Delegation aussieht.

Drei Szenarien, die häufiger eintreten als wir denken

Finanzielle Abhängigkeit fühlt sich in einer funktionierenden Beziehung selten gefährlich an. Das Risiko wird real, wenn das System bricht.

Scheidung. Fast jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Für viele Frauen bedeutet das den ersten Moment, in dem sie wirklich verstehen, was sie finanziell haben - und was nicht. Kein eigenes Konto, keine eigene Rentenhistorie, keine Ahnung von den Vermögenswerten des Partners. Und 7 von 10 österreichischen Frauen, deren Partner Hauptverdiener ist, könnten ihren Lebensstandard alleine nicht halten.

Verwitwung. Frauen leben statistisch länger als Männer. Wer nie in die eigene Altersvorsorge eingezahlt hat, wer jahrelang in Teilzeit oder gar nicht erwerbstätig war - oft wegen Care-Arbeit, die 70 % der pflegenden Angehörigen in Deutschland leisten Frauen - steht im Alter mit einer Pension da, die den Namen kaum verdient.

Altersarmut. In Österreich haben Frauen in Haushaltsgemeinschaften ein dreimal höheres Armutsrisiko als Männer. Das ist eine Zahl, die ich immer wieder lesen muss, weil sie mich jedes Mal trifft. Dreimal höher. In Haushaltsgemeinschaften. Armut trotz Partnerschaft, oder eben danach.

Wenn "Er macht das schon" zur Kontrolle wird

Es gibt eine Grenze, die ich benennen will, weil sie oft verschwimmt.

Arbeitsteilung in Beziehungen kann sinnvoll sein. Wenn ein Partner die Finanzen übernimmt und der andere die Care-Arbeit, und beide wissen, was passiert, beide Mitsprache haben, beide im Notfall handlungsfähig wären - dann ist das eine Entscheidung, die ich respektiere.

Ökonomische Gewalt sieht anders aus. Sie beginnt oft subtil: "Ich mach das für dich, du verstehst das eh nicht so gut." Sie zeigt sich darin, dass eine Frau keinen Zugang zu gemeinsamen Konten hat, keine Ahnung von Vermögen oder Schulden, kein eigenes Geld für eigene Entscheidungen. Sie eskaliert in Kontrolle. Und sie hält Frauen nachweislich länger in gewalttätigen Beziehungen - weil die Wechselkosten einer Trennung steigen, je höher die finanzielle Abhängigkeit ist. Ein österreichischer Policy Brief des Finanzministeriums hält das explizit fest.

Die Frage, die ich mir stelle und die ich auch meinen Klientinnen stelle: Wenn du heute wolltest - könntest du gehen?

Eine Nuance, die ich nicht unterschlagen will

Die N26-Studie, durchgeführt vom Neurowissenschaftler Dr. Jack Lewis, zeigt etwas Unbequemes: Finanziell unabhängige Frauen empfinden 40 % mehr Stress als finanziell unabhängige Männer. Finanzielle Eigenverantwortung ist für Frauen psychisch aufwändiger - weil sie in einem gesellschaftlichen Kontext stattfindet, der ihnen gleichzeitig sagt, dass Geld eigentlich Männersache ist.

Das bedeutet: der Appell "Kümmere dich um deine Finanzen" greift zu kurz, wenn er ohne Unterstützung kommt. Finanzwissen alleine ist oft gar nicht das Problem. Frauen verfügen häufig über ausreichend Wissen, aber Selbstzweifel und gesellschaftliche Botschaften halten sie trotzdem davon ab zu handeln. Das Problem sitzt tiefer, im Bereich der Selbstwirksamkeit, der Erlaubnis, der inneren Überzeugung, dass das auch ihr Terrain ist.

Strukturelle Ursachen - Gender Pay Gap, fehlende Kinderbetreuung, ungleich verteilte Care-Arbeit - lassen sich nicht durch individuelle Entscheidungen wegdiskutieren. Beides ist wahr: Das System muss sich ändern. Und gleichzeitig kann man, während man darauf wartet, nicht auf das eigene finanzielle Fundament verzichten.

Was finanzielle Sichtbarkeit in der Praxis bedeutet

Eigenes Konto. Das klingt selbstverständlich und ist es für viele Frauen trotzdem nicht. Ein eigenes Konto ist ein Sicherheitsnetz - kein Misstrauensvotum gegenüber dem Partner.

Kenntnis der gemeinsamen Finanzen. Wo liegt das Geld? Welche Versicherungen gibt es? Was ist in der Altersvorsorge? Diese Fragen sollte jede Frau beantworten können - unabhängig davon, wer die Überweisungen macht.

Eigene Altersvorsorge. Auch in Zeiten von Teilzeit oder Elternzeit. Auch wenn es am Anfang kleine Beträge sind. Die Zeit, die hier vergeht, holt man nicht zurück.

Regelmäßige Gespräche über Geld als Paar. Was ich manchmal "Finanz-Date" nenne - kein Drama, kein Vorwurf, nur Transparenz als gemeinsame Praxis. Wer gemeinsam über Geld spricht, schützt beide Seiten.


Eine Frage, die ich dir zum Abschluss mitgeben will. Wenn deine Beziehung morgen enden würde - durch Trennung, durch Tod, durch was auch immer das Leben bereithält - wüsstest du, wo das Geld ist? Was du hast? Wie du weiterkommst?

Wenn die Antwort zögert: das ist dein Startpunkt.

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Deep Dive

Häufige
Fragen

Finanzielle Abhängigkeit entsteht meist schleichend – durch Elternzeit, ungleiche Gehälter oder die stille Übernahme von Haushaltsmanagement. Viele Frauen merken erst im Krisenfall, wie weit sie sich aus dem eigenen Finanziellen zurückgezogen haben. Es ist selten eine bewusste Entscheidung, sondern das Ergebnis struktureller und gesellschaftlicher Muster.

Ein eigenes Konto, ein Überblick über gemeinsame Vermögenswerte und eine aktive Rolle bei Geldentscheidungen sind konkrete erste Schritte. Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet nicht Misstrauen gegenüber dem Partner, sondern Selbstschutz. Regelmäßige Gespräche über Geld als Paar helfen, Verantwortung fair zu teilen.

Wirtschaftliche Gewalt liegt vor, wenn ein Partner den Zugang zu Geld kontrolliert, Ausgaben überwacht oder finanzielle Entscheidungen allein trifft – oft kombiniert mit emotionalem Druck. Warnsignale sind: kein Zugang zum gemeinsamen Konto, Rechenschaftspflicht für jeden Cent oder das Gefühl, um Geld bitten zu müssen. Es ist eine Form von Machtmissbrauch, die häufig übersehen wird.

Frauen in Österreich und Deutschland sind deutlich häufiger von Altersarmut betroffen als Männer – der Gender Pension Gap liegt teils über 40 %. Hauptursachen sind Teilzeitarbeit, Carearbeit und niedrigere Löhne über die gesamte Erwerbsbiografie. Besonders gefährdet sind Frauen, die lange Erwerbspausen hatten oder sich auf die Altersvorsorge des Partners verlassen haben.

Mindestens ein eigenes Konto, eine eigene Altersvorsorge und Wissen über gemeinsame Verbindlichkeiten und Vermögenswerte sind essenziell. Im Fall einer Scheidung oder eines Todesfalls entscheidet oft, was vertraglich geregelt ist – nicht was mündlich vereinbart wurde. Eine unabhängige Finanzberatung kann helfen, blinde Flecken zu erkennen.

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