Psychologie · 6 Min Lesezeit

Warum du im Bewerbungsgespräch lügst – ohne es zu wollen

Mag. Liz Matisovits
Mag. Liz Matisovits

25. April 2026

Warum du im Bewerbungsgespräch lügst, ohne es zu wollen

Du machst dich kleiner als du bist oder übertreibst ins Gegenteil. Beides fühlt sich falsch an. Beides hat denselben psychologischen Grund.

Du sitzt im Bewerbungsgespräch und hörst dir selbst zu.

Und irgendwas stimmt nicht.

Vielleicht klingst du kleiner als gemeint. "Ich habe da mal mitgewirkt" - dabei hast du das Projekt geleitet. "Ich glaube, ich bin ganz gut in..." - dabei bist du sehr gut. Du weißt es. Und trotzdem kommt dieser abgeschwächte, tentative Ton heraus, als würdest du um Erlaubnis bitten, eine Meinung über dich selbst zu haben.

Oder das Gegenteil: Du hörst dich reden und weißt, dass du übertreibst. Zu viel Energie, zu viele Superlative, eine Performance, die sich schon im Moment falsch anfühlt. Du verlässt das Gebäude und denkst: Das war ich nicht.

Beide Varianten fühlen sich wie Versagen an. Eine davon sieht aus wie mangelndes Selbstbewusstsein, die andere wie Angeberei. Was sie wirklich sind, ist etwas ganz anderes.

Was im Bewerbungsgespräch wirklich passiert

Wenn Psychologen von Impression Management sprechen, meinen sie die Steuerung des Eindrucks, den wir auf andere machen. Erving Goffman hat das 1959 beschrieben als eine Art permanente soziale Bühnenperformance, die wir alle betreiben, meist ohne es zu bemerken.

Im Bewerbungsgespräch läuft dieser Mechanismus auf Hochtouren. Die soziale Bewertung ist explizit, der Einsatz hoch, das Urteil eindeutig: ja oder nein. Das Gehirn verarbeitet diese Situation ähnlich wie eine physische Bedrohung - dieselben neuronalen Schaltkreise, dieselbe Alarmbereitschaft.

In diesem Zustand greift eine spezifische Strategie: Protective Self-Presentation. Das primäre Ziel ist dabei weniger, einen guten Eindruck zu machen, sondern einen schlechten zu vermeiden. Wer sich kleiner macht, riskiert weniger. Wer überkompensiert, versucht das Gefühl der Bedrohung durch Lautstärke zu übertönen. Beides sind Schutzreflexe, keine Aussagen über tatsächliche Kompetenz.

Was sich wie Lügen anfühlt, ist ein Überlebensmuster.

Was sich wie Lügen anfühlt, ist ein Überlebensmuster.

Die Forschung, die unbequem ist

Monika Sieverding hat 2003 an der Universität Heidelberg etwas untersucht, das ich seither nicht mehr aus dem Kopf bekomme. In einer simulierten Bewerbungsstudie schätzten sich Frauen in allen Phasen des Verfahrens als deutlich weniger erfolgreich ein als Männer, obwohl externe Beurteiler keinen signifikanten Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern feststellten.

Die Männer überschätzten sich. Aber auch das entsprach nicht der Realität: Die externen Einschätzungen spiegelten die Selbstüberschätzung der Männer ebenfalls nicht wider. Beide Gruppen lagen daneben, nur in verschiedene Richtungen.

Das Bewerbungsgespräch ist für viele Menschen kein Ort der akkuraten Selbstdarstellung. Es ist ein Ort, an dem Selbstschutz-Mechanismen die Regie übernehmen.

Exley und Kessler haben 2022 in einer groß angelegten Studie gezeigt, dass Frauen ihre eigene Leistung in selbst-evaluativen Kontexten systematisch niedriger einschätzen als Männer, auch bei identischer objektiver Leistung. Dieser Gap in der Selbsteinschätzung erklärt, so die Autorinnen, einen Teil des Gender Pay Gaps. Wer sich selbst weniger zutraut, fordert weniger. Wer weniger fordert, bekommt weniger.

1/3weniger Gehalt verdienen Frauen im Schnitt über ihr Berufsleben. Ein Gap, der oft im Bewerbungsgespräch beginnt.

Das Doppelbind, das niemand laut ausspricht

Hier wird es kompliziert. Denn das Kleinmachen hat, aus einer bestimmten Perspektive, eine gewisse Logik.

Rudman und Glick haben 2001 experimentell gezeigt, was viele Frauen intuitiv wissen: Frauen, die sich selbstbewusst, kompetent und direkt präsentierten, wurden in Bewerbungssimulationen seltener eingestellt als gleich qualifizierte Männer mit identischem Auftreten - trotz besserer Qualifikation. Der Grund: Sie wurden als weniger sympathisch wahrgenommen, als sozial schwierig, als zu viel.

Eagly hat diesen Backlash-Effekt in einer Metaanalyse 2002 weiter bestätigt: Frauen, die sich in Führungssituationen konform zu maskulinen Normen verhalten, werden signifikant negativer bewertet als Männer mit identischem Verhalten.

Das System bestraft also in beide Richtungen. Wer sich kleiner macht, verliert an Überzeugungskraft. Wer sich zu groß zeigt, verliert an Sympathie. Das Gehirn lernt das, auch ohne dass man es je explizit formuliert hätte. Und es reagiert entsprechend - mit Protective Self-Presentation, mit vorsichtigem Formulieren, mit dem Abschwächen von Aussagen, die eigentlich klar sein sollten.

Das Kleinmachen im Bewerbungsgespräch ist oft eine rationale Antizipation eines irrationalen Systems.

Wie das Muster entsteht

Stereotype-Threat-Forschung zeigt, dass allein die Aktivierung eines negativen Stereotyps die Leistung und Selbsteinschätzung messbar verschlechtert, ohne dass die Person sich dessen bewusst ist. Im Bewerbungskontext bedeutet das: Subtile Signale im Raum, eine Zusammensetzung des Panels oder eine unglücklich formulierte Frage können ausreichen, um das Selbstbild zu kippen.

Wie soziale Lernprozesse diese Muster von früh an formen, habe ich in einem anderen Zusammenhang bereits ausführlicher beschrieben - was erlernte Hilflosigkeit im Job damit zu tun hat, und warum das ständige Erklären und Absichern im Beruf kein Stilfehler ist, sondern dasselbe Muster in anderem Gewand.

Was hier wichtig ist: Diese Verzerrungen laufen automatisch ab. Sie sind keine Entscheidung. Sie sind das Ergebnis von wiederholten sozialen Erfahrungen, die das Gehirn zu Schutzmechanismen verdichtet hat.

Eine wichtige Einschränkung

Das klingt nach einem spezifisch weiblichen Problem, liegt aber nur halb richtig.

Männer aus marginalisierten Gruppen zeigen ähnliche Muster, ebenso Menschen mit Migrationshintergrund oder aus niedrigeren Sozialschichten. Der entscheidende Faktor ist das Machtverhältnis, die antizipierte soziale Bewertung und die Frage, ob man das Gefühl hat, im Raum willkommen zu sein. Geschlecht ist einer der stärksten Prädiktoren, aber kein ausschließlicher.

Der Backlash-Effekt ist außerdem kontextabhängig. In Unternehmen mit hohem Frauenanteil in Führungspositionen und explizit egalitären Normen ist er deutlich schwächer. Das Umfeld entscheidet mit, was bedeutet, dass individuelle Verhaltensänderung allein das Problem nicht löst.

Coaching-Ansätze, die Frauen raten, einfach selbstbewusster aufzutreten, greifen zu kurz. Manchmal sind sie sogar kontraproduktiv, weil sie den Backlash-Effekt ignorieren und die Verantwortung vollständig auf die Person verschieben, die sich in einem strukturell schiefen System bewegt.

Was tatsächlich hilft

Wenn Schutzstrategien automatisch ablaufen, hilft Willenskraft wenig. Was hilft, ist Bewusstsein - aber als Beobachtung, nicht als Selbstkritik.

Konkret: Vorbereitung als Schutzpuffer gegen Stereotype Threat. Studien zeigen, dass Menschen, die sich vor einer Bewerbungssituation aktiv mit ihren eigenen Stärken und Erfolgen beschäftigen - nicht als Affirmation, sondern als faktische Erinnerung - weniger anfällig für die automatischen Abschwächungsreflexe sind. Wer weiß, was er geleistet hat, und das konkret formuliert hat, bevor er den Raum betritt, hat weniger Raum für die verzerrende Unsicherheit im Moment.

Entscheidend ist dabei der Unterschied zwischen strategischer Anpassung und Selbstverleugnung. Sich dem Kontext anpassen - Ton, Sprache, Energie - ist klug. Sich selbst kleiner machen als man ist, ist etwas anderes. Die Frage, die hilft, lautet: Passe ich mich an, oder lösche ich mich aus?

Manchmal lautet die ehrlichste Antwort: Ich lösche mich aus. Weil der Raum das von mir erwartet. Weil ich gelernt habe, dass es sicherer ist.

Das zu erkennen, ohne sich dafür zu beschämen, ist der erste und schwierigste Schritt. Alles andere folgt.

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Deep Dive

Häufige
Fragen

Forschung zeigt, dass Frauen häufiger auf sogenannte Protective Self-Presentation zurückgreifen – einen Schutzmechanismus, der darauf abzielt, negative Urteile zu vermeiden statt positive zu erzeugen. Das hat wenig mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun, sondern mit erlernten sozialen Mustern und dem Druck, nicht arrogant zu wirken.

Authentisches Auftreten beginnt damit, eigene Leistungen konkret und sachlich zu benennen – ohne Abschwächungen wie 'ich glaube' oder 'eigentlich'. Übung hilft: Wer Formulierungen vorher laut ausspricht, gewöhnt sich daran, sie als wahr statt als Angeberei zu empfinden.

Impression Management bedeutet, den eigenen Auftritt bewusst zu gestalten – das tun alle Menschen in sozialen Situationen. Lügen bedeutet, Falsches zu behaupten. Das Problem entsteht, wenn Schutzreflexe dazu führen, echte Stärken zu verschweigen oder zu verkleinern – das ist keine Unehrlichkeit, sondern Stress.

Studien belegen, dass Frauen stärker mit dem sogenannten Backlash-Effekt konfrontiert sind: Selbstbewusstes Auftreten wird bei ihnen häufiger als unsympathisch wahrgenommen als bei Männern. Dieses Wissen – bewusst oder unbewusst – führt dazu, dass viele Frauen vorsorglich zurückrudern, bevor sie überhaupt angefangen haben.

Neben klassischer Vorbereitung hilft es, sich konkrete Erfolge schriftlich zu notieren und diese als Fakten – nicht als Meinungen – zu formulieren. Forschung zu Power Posing und mentaler Vorabvisualisierung zeigt außerdem, dass körperliche und gedankliche Vorbereitung das Stresslevel messbar senken kann.

Words byLiz.Mag. Liz Matisovits

Psychologin, Organisationsberaterin, Systemdenkerin. Ich schreibe für Frauen die aufgehört haben, sich kleinzumachen.

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