Gesundheit · 7 Min Lesezeit

Sie funktioniert perfekt. Und fühlt dabei gar nichts.

Mag. Liz Matisovits
Mag. Liz Matisovits

19. April 2026

Sie funktioniert perfekt. Und fühlt dabei gar nichts.

High-Functioning Exhaustion ist der Burnout, den niemand erkennt, weil die Betroffene noch alles schafft. Das ist genau das Problem.

Sie sitzt im Meeting, nickt, stellt die richtigen Fragen. Später schreibt sie das Protokoll, schickt drei Follow-up-Mails, bereitet die Präsentation für Donnerstag vor. Abends fragt jemand, wie es ihr geht. "Gut", sagt sie. Und meint es fast so.

Das "fast" ist das Problem.

Die Frau, die alles schafft

Ich kenne diese Frau aus Beratungsgesprächen. Ich kenne sie aus meinem Freundeskreis. Ich erkenne sie manchmal in mir selbst. Sie schläft zu wenig, aber sie schläft. Sie ist erschöpft, aber sie erschöpft sich ja immer. Sie freut sich über Lob, irgendwie. Sie funktioniert. Das ist das Präzise daran: Sie funktioniert.

Was dabei fehlt, ist schwer in Worte zu fassen. Eine Klientin hat es einmal so beschrieben: "Ich mache alles richtig und fühle dabei gar nichts." Kein Drama, kein Zusammenbruch, keine Tränen im Büro. Nur diese merkwürdige Stille hinter allem.

Es ist ein Burnout, den wir noch nicht gelernt haben zu erkennen.

Warum die Checkliste versagt

Das klassische Burnout-Bild hat klare Konturen. Leistungsabfall. Fehlzeiten. Zynismus, der sich nicht mehr verbergen lässt. Irgendwann bricht etwas zusammen, und dann fällt es auf.

High-Functioning Exhaustion - dieser Begriff kursiert in der Fachliteratur an der Schnittstelle von Burnout, hochfunktionaler Depression und Dysthymie - folgt einer anderen Logik. Die Leistung bleibt stabil. Die Außenwirkung auch. Was kollabiert, ist das Innenleben.

Klassische Burnout-Screenings fragen nach Leistungsabfall, nach Fehlzeiten, nach sichtbarer Erschöpfung. Sie erfassen genau das, was bei hochfunktionalen Formen eben nicht eintritt. Die Diagnose greift ins Leere, weil das Messinstrument für ein anderes Phänomen gebaut wurde.

Die Techniker Krankenkasse hat in ihrem Gesundheitsreport 2022 festgestellt, dass Frauen in Deutschland häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind als Männer und gleichzeitig seltener die Burnout-Diagnose erhalten. Eine Lücke, die sich nicht durch Biologie erklären lässt.

3-5Jahre warten Burnout-Betroffene im Durchschnitt, bevor sie professionelle Hilfe suchen. Bei hochfunktionalen Formen ist diese Wartezeit noch länger.

Was im Körper passiert, während du weitermachst

Chronischer Stress aktiviert dauerhaft die HPA-Achse - das ist das Zusammenspiel von Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde, das unsere Stressreaktion reguliert. Bei anhaltender Aktivierung gerät die Cortisolausschüttung aus dem Gleichgewicht. Der Körper lernt, im Alarmzustand zu operieren, ohne dass sich das noch wie Alarm anfühlt.

Der Stressforscher Bruce McEwen hat diesen Zustand als Allostatic Load beschrieben - die kumulative biologische Abnutzung durch chronischen Stress. Das Besondere daran: Sie hinterlässt Spuren, lange bevor irgendetwas sichtbar zusammenbricht. Der Körper zahlt eine Rechnung, die die Person selbst noch nicht einmal geöffnet hat.

Frauen tragen diese Last im Durchschnitt schwerer, weil Mehrfachbelastung durch Beruf und Care-Arbeit keine additive, sondern eine multiplikative Wirkung hat.

Die erlernte Kunst, sich selbst zu überhören

Hier kommt der Mechanismus ins Spiel, der das alles zusammenhält.

Betroffene lernen, Körpersignale und emotionale Zustände systematisch umzudeuten. Der Kopfschmerz am Sonntag ist Wetterfühligkeit. Die Erschöpfung nach dem Urlaub liegt am schlechten Schlaf. Das Gefühl der Leere nach einem erfolgreichen Projekt - das ist halt so, wenn der Adrenalinspiegel sinkt. Jedes Signal bekommt eine rationale Erklärung, bevor es als Warnsignal registriert werden kann.

Psychologisch nennt man die eingeschränkte Fähigkeit, eigene emotionale Zustände wahrzunehmen und zu benennen, Alexithymie - griechisch für "keine Worte für Gefühle". In leistungsorientierten Kontexten wird das oft als Stärke gelesen: sachlich bleiben, nicht dramatisieren, funktionieren. Schätzungsweise 10 Prozent der Bevölkerung sind klinisch betroffen, aber in subklinischer Form - also als Tendenz, nicht als Diagnose - ist es bei hochleistungsorientierten Gruppen deutlich häufiger.

Das Tückische ist, dass sie aufgehört hat, das für ein Problem zu halten.

Diese Abspaltung vom eigenen Erleben ist ursprünglich eine adaptive Strategie. Wer unter Dauerbelastung steht, kann es sich nicht leisten, jedes Erschöpfungssignal ernst zu nehmen, das System würde stillstehen. Also lernt der Körper, weiterzumachen. Das Problem entsteht, wenn diese Strategie so tief eingeübt ist, dass sie sich nicht mehr abschalten lässt.

Warum es besonders Frauen trifft und warum es unsichtbar bleibt

Frauen erkranken in Deutschland etwa doppelt so häufig an Depressionen wie Männer - eine Lebenszeitprävalenz von rund 25 Prozent gegenüber 12 Prozent bei Männern, laut Daten des Robert Koch-Instituts. Gleichzeitig werden atypische Depressionsformen, zu denen hochfunktionale Erschöpfung zählt, seltener erkannt und diagnostiziert.

Das liegt auch an kulturellen Skripten. Frauen, die in Führungspositionen oder ambitionierten Rollen arbeiten, bewegen sich in einem Doppelbind: Sie sollen kompetent und kontrolliert wirken, gleichzeitig empathisch und nahbar sein. Das Zeigen von Erschöpfung passt in keines dieser Bilder. Also wird sie nicht gezeigt.

In einer Studie im Journal of Occupational Health Psychology aus 2021 berichteten Frauen in Führungspositionen signifikant häufiger über emotionale Erschöpfung als ihre männlichen Kollegen - bei gleichzeitig höherer Außenwirkung von Kompetenz und Kontrolle. Die Schere zwischen innen und außen war dort am größten, wo der gesellschaftliche Druck am stärksten war.

Das Phänomen der sogenannten Smiling Depression - nach außen freundlich und funktional, innen depressiv - ist besonders bei Frauen in sichtbaren Rollen dokumentiert. Es wird oft erst in der Krise sichtbar, weil bis dahin weder die Betroffene noch ihr Umfeld einen Grund hatte, genauer hinzuschauen.

Dass das strukturelle Ursachen hat - Lohnungleichheit, fehlende Care-Infrastruktur, Arbeitsbedingungen, die für andere entworfen wurden - sollte dabei nicht vergessen werden. Psychologische Erklärungen können strukturelle Missstände nicht ersetzen. Auf das, was Work-Life-Blending mit Frauen macht, habe ich an anderer Stelle schon genauer geschaut.

Die stillen Signale

Kein Zusammenbruch, keine Tränen, kein offensichtlicher Einbruch. Stattdessen anderes.

Die Freude bleibt aus, auch wenn Grund da wäre. Das Lob nach der Präsentation landet irgendwo außen, ohne etwas zu berühren. Das Projekt ist abgeschlossen, aber das Gefühl von Befriedigung, das sich früher eingestellt hat, kommt einfach nicht mehr. In der Psychologie heißt das Anhedonie: die Unfähigkeit, Freude oder Befriedigung zu empfinden, auch bei objektiv positiven Ereignissen. Es ist eines der zentralen Symptome hochfunktionaler Depression.

Dazu kommt eine subtile Abstumpfung. Zynismus als Schutzmechanismus. Die Kollegin, die sich über etwas aufregt, und der erste Impuls ist: Ich kann das gerade nicht. Körperliche Symptome ohne Befund - Spannungskopfschmerzen, Schlafprobleme, ein Kribbeln in der Brust, das der Arzt nicht einordnen kann.

In einer Umfrage des Österreichischen Instituts für Familienforschung gaben 62 Prozent der erwerbstätigen Mütter an, sich dauerhaft erschöpft zu fühlen, aber nur 18 Prozent würden das als Burnout bezeichnen. Die meisten nennen es: das Leben.

Eine wichtige Einschränkung

Müdigkeit ist normal. Phasen, in denen man sich leer fühlt, auch. Wer nach einem intensiven Quartal erschöpft ist und sich nach Erholung sehnt, hat einen anstrengenden Job.

Der Unterschied liegt in der Chronizität und in der Dissoziation. Wenn Erholung nicht mehr hilft, weil man gar nicht mehr weiß, was einem helfen würde. Wenn die Erschöpfung so tief sitzt, dass man sie nicht mehr als Erschöpfung erkennt, sondern als Normalzustand. Wenn das Funktionieren die einzige Sprache ist, die man noch spricht.

Hier endet adaptive Bewältigung, und hier beginnt etwas, das Aufmerksamkeit verdient.

Was tatsächlich hilft

Achtsamkeits-Apps helfen wenig, wenn man verlernt hat zu spüren. Eine konkrete Schwierigkeit, keine Polemik gegen Atemübungen: Wer alexithyme Tendenzen hat, wer systematisch gelernt hat, innere Signale zu überschreiben, braucht zuerst eine Rekalibrierung der Körperwahrnehmung und das geht nicht in fünf Minuten täglich.

Was hilft, ist langsamer als erwartet. Körperorientierte Therapieansätze setzen beim Fühlen an, nicht beim Denken - Somatic Experiencing, EMDR, körperbezogene Psychotherapie. Nicht weil etwas Traumatisches passiert sein muss, sondern weil das Nervensystem eine Sprache spricht, die Worte allein nicht erreichen.

Hilfreich ist auch, die eigene Reaktion auf Erfolge zu beobachten. Landet das Lob? Fühlt sich das Abschließen eines Projekts nach etwas an? Wenn die Antwort konsequent nein ist - über Wochen, über Monate - dann ist das ein Signal, das eine Antwort verdient.

Und strukturell: Wer in einem System arbeitet, das Erschöpfung als Leistungsausweis behandelt, wird sich durch individuelle Maßnahmen allein nicht retten können. Eine unbequeme Wahrheit, aber eine wichtige. Der Blick auf erlernte Hilflosigkeit im Job kann helfen, den Unterschied zu erkennen zwischen dem, was man an sich ändern kann, und dem, was das System ist.

Das Tückischste am stillen Burnout ist, dass es sich lange wie Stärke anfühlt. Wie Disziplin. Wie Professionalität.

Vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb keine diagnostische, sondern eine sehr einfache: Wann hast du zuletzt etwas gefühlt, das du nicht sofort wegerklärt hast?

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Deep Dive

Häufige
Fragen

High Functioning Burnout beschreibt einen Erschöpfungszustand, bei dem die äußere Leistungsfähigkeit erhalten bleibt, während das emotionale Innenleben zunehmend abstumpft. Betroffene Frauen funktionieren im Beruf und Alltag weiterhin zuverlässig, empfinden dabei aber eine merkwürdige innere Leere oder emotionale Taubheit.

Typische Zeichen sind das Gefühl, Dinge 'richtig zu machen', ohne dabei etwas zu fühlen, chronische Erschöpfung die sich normal anfühlt, und Freude die nur noch 'irgendwie' ankommt. Wenn das Wort 'gut' auf die Frage nach dem Befinden fast stimmt – aber eben nur fast – ist das ein ernstes Signal.

Klassische Burnout-Diagnosen messen Leistungsabfall, Fehlzeiten und sichtbaren Zynismus – Symptome, die bei hochfunktionalen Verläufen oft ausbleiben. Da Frauen häufiger in dieser stillen, funktionierenden Erschöpfung verharren, greifen die Messinstrumente ins Leere und die Diagnose bleibt aus.

Alle drei können sich in anhaltender Erschöpfung und emotionaler Flachheit äußern, unterscheiden sich aber in Ursache und Verlauf. High-Functioning Exhaustion bewegt sich an der Schnittstelle dieser Konzepte: arbeitsbezogene Überlastung trifft auf eine chronisch gedämpfte Stimmung, ohne dass ein klassischer Zusammenbruch eintritt.

Der erste Schritt ist, das 'fast' ernst zu nehmen – also die leise Diskrepanz zwischen dem, was man sagt, und dem, was man fühlt. Professionelle Unterstützung durch Psychotherapie oder Beratung ist sinnvoll, bevor ein Zusammenbruch erzwungen, was das System bisher überspielt hat.

Words byLiz.Mag. Liz Matisovits

Psychologin, Organisationsberaterin, Systemdenkerin. Ich schreibe für Frauen die aufgehört haben, sich kleinzumachen.

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