Karriere · 10 Min Lesezeit

Nach der Karenz wird dein Kind lauter bewertet als deine Leistung

Nach der Karenz wird dein Kind lauter bewertet als deine Leistung

Mutterschaft gilt im Job oft als Risiko. Dabei entstehen genau dort Fähigkeiten, die Unternehmen dringend brauchen.

Sie kam zu spät zum Call.

Drei Minuten. Vielleicht vier. In der oberen Bildschirmhälfte sah man einen Besprechungsraum mit Glaswand, zwei Männer in Hemden, eine Frau mit Headset und diesen leicht genervten Blick, der vorgibt, neutral zu sein. In der unteren Hälfte saß sie, meine Klientin, frisch zurück aus der Karenz, mit einem Kleinkind, das kurz davor gewesen war, seinen Joghurt auf den Teppich zu kippen, und einem Puls, der vermutlich jedes Wearable beleidigt hätte.

Sie entschuldigte sich. Zu ausführlich, wie sie später sagte. Dann präsentierte sie einen Projektplan, der präziser war als vieles, was ich in Jahren Organisationsberatung gesehen habe. Prioritäten, Risiken, Abhängigkeiten, Eskalationspunkte. Alles da. Am Ende sagte ihr Vorgesetzter: „Schön, dass du wieder langsam reinkommst.“

Langsam.

Ich habe dieses Wort danach noch lange im Kopf gehabt. Weil es so viel verrät. Über Erwartungen. Über Macht. Über die Art, wie Unternehmen Mutterschaft bewerten: als Unterbrechung, als Risiko, als weiche Phase im Lebenslauf. Dabei passiert in vielen Frauen in dieser Zeit etwas, das moderne Organisationen teuer einkaufen würden, wenn es einen englischen Namen und ein Zertifikat dafür gäbe.

Das Missverständnis beginnt beim Lebenslauf

Wenn eine Frau Mutter wird, verändert sich in vielen Unternehmen die Brille, durch die man sie betrachtet. Vorher hieß es: belastbar, engagiert, schnell. Danach heißt es: eingeschränkt verfügbar, vielleicht weniger ambitioniert, sicher öfter abwesend.

Diese Zuschreibungen werden selten direkt ausgesprochen. Kaum jemand sagt im Meeting: „Wir trauen ihr die Führungsrolle wegen ihres Kindes weniger zu.“ Dafür sind die meisten Systeme heute zu klug. Sie formulieren es subtiler: „Wir wollen sie gerade nicht überfordern.“ „Vielleicht passt die Rolle später besser.“ „Sie hat jetzt andere Prioritäten.“

Manchmal stimmt das sogar. Manche Frauen wollen nach einem Kind anders arbeiten. Manche reduzieren bewusst. Manche haben keine Lust mehr auf 19-Uhr-Calls und mehrtägige Dienstreisen. Verständlich.

Unfair wird es dort, wo Unternehmen aus Mutterschaft eine vermutete Minderleistung ableiten, bevor sie Leistung überhaupt wieder beobachten. Wo eine Frau nicht gefragt wird, was sie will, weil alle schon zu wissen glauben, was sie braucht.

Die Soziologin Shelley Correll zeigte 2007 mit Kolleg:innen in einem inzwischen viel zitierten Experiment, wie stark solche Annahmen wirkten. Bewerbungen mit identischem Lebenslauf wurden unterschiedlich bewertet, je nachdem, ob die Person als Mutter erkennbar war oder nicht. Mütter erhielten 44 Prozent seltener Rückrufe als kinderlose Frauen mit gleichem Profil. Väter hingegen profitierten im Vergleich zu kinderlosen Männern.

44%seltener erhielten Mütter in Corrells Experiment Rückrufe als kinderlose Frauen mit identischem Lebenslauf.

Man muss diese Zahl kurz stehen lassen: Gleiche Qualifikation, anderes Etikett, weniger Chance.

Wenig verwunderlich scheint es da, dass viele Mütter ihre berufliche Erzählung nach der Karenz fast entschuldigend beginnen. „Ich bin wieder voll da“, sagen sie, als müssten sie beweisen, dass sie nicht irgendwo zwischen Spielplatz und Stillkissen verdampft sind. Die eigentliche Frage wäre: Warum müssen sie das überhaupt beweisen?

Mutterschaft trainiert genau das, was Führung verlangt

Ich erinnere mich an die ersten Wochen nach der Geburt meiner Tochter als eine Art schlecht beleuchtetes Assessment Center. Schlafentzug, Informationsmangel, dauernde Unterbrechungen, emotionale Ausnahmesituationen, ein sehr kleines Wesen mit sehr klarer Meinung und ohne PowerPoint-Folien.

Niemand nennt das Leadership-Training. Vielleicht, weil niemand dafür 3.800 Euro plus Umsatzsteuer verlangen kann.

Dabei übt Mutterschaft Fähigkeiten, die Führungskräfte ständig brauchen. Entscheidungen bei unvollständiger Information. Regulation eigener Gefühle, während jemand anderer eskaliert. Priorisieren, wenn alles wichtig wirkt und trotzdem nur eine Sache jetzt zählt. Den Raum lesen. Bedürfnisse erkennen, bevor sie sauber formuliert wurden. Grenzen setzen und danach mit dem schlechten Gewissen weiterleben.

Natürlich macht ein Kind aus niemandem automatisch eine gute Führungskraft. Es gibt Mütter, die Kontrolle mit Fürsorge verwechseln. Es gibt Mütter, die im Team anfangen zu bemuttern, statt Verantwortung sauber zu verteilen. Es gibt Frauen, die im Privaten so viel tragen, dass im Job nur noch Funktionieren übrig bleibt. Romantisierung hilft hier niemandem.

Aber wir übersehen etwas Entscheidendes, wenn wir Mutterschaft nur als Abwesenheit vom Arbeitsmarkt betrachten. Viele dieser Monate und Jahre sind psychologisch hochintensiv. Eine Frau lernt dabei nicht im Seminarraum, sondern im echten Leben, unter Druck und mit echten Konsequenzen.

Wenn Mutterschaft ein Führungskräfteprogramm wäre, hätten Unternehmen längst ein Zertifikat dafür erfunden.

Die Neurowissenschaft liefert dazu einen bemerkenswerten Befund. Elseline Hoekzema und ihr Team zeigten 2017 in Nature Neuroscience, dass Schwangerschaft und frühe Mutterschaft messbare Veränderungen in der grauen Substanz des Gehirns auslösen, besonders in Bereichen, die mit sozialer Kognition, Empathie und Theory of Mind verbunden sind. Diese Veränderungen blieben mindestens zwei Jahre stabil.

Theory of Mind klingt akademisch, meint aber etwas sehr Alltägliches: die Fähigkeit, sich in den inneren Zustand eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Was denkt diese Person? Was braucht sie? Was sieht sie, was ich gerade übersehe?

In Führung ist das Gold, ein echter Skill. Es geht um Informationsverarbeitung. Wer soziale Signale präzise liest, erkennt Konflikte früher, spürt Überforderung im Team, bemerkt unausgesprochene Widerstände und entscheidet dadurch oft besser. Gerade in Organisationen, die ständig von Transformation sprechen, aber dann an realen Veränderungsprozessen scheitern.

Die Firma sieht das Kind, übersieht die Kompetenz

Der wirtschaftliche Denkfehler liegt darin, dass Unternehmen Mutterschaft oft nur als Kostenstelle behandeln; Teilzeit, Ausfallrisiko, Planungsaufwand, Elternabende, kranke Kinder, Ferienlogistik. Zugegeben ist das alles real und relevant.

Doch jedes ökonomische Modell wird schief, wenn es nur die Kosten sieht und den Kompetenzgewinn ausblendet. Genau hier beginnt Finanzpsychologie im organisationalen Sinn: Welche Annahmen über Wert steuern Geldentscheidungen? Wer gilt als Investition, wer als Risiko? Wessen Potenzial rechnen wir hoch, wessen Lebensrealität schreiben wir ab?

Bei Vätern scheint ein Kind oft Stabilität zu signalisieren, Verantwortung und Reife. „Der hat jetzt Familie.“ Bei Müttern kippt derselbe Fakt in einem Generalverdacht, Weniger verfügbar., weniger fokussiert und vielleicht emotional belastet.

Das Absurde daran: Viele Mütter arbeiten nach der Rückkehr mit einer Präzision, die aus Knappheit entsteht. Wer um 16:20 Uhr los muss, weil die Kita schließt, kann sich um 14:30 Uhr weniger leisten, in einem Meeting dekorativ anwesend zu sein. Zeitknappheit macht nicht automatisch effizient, aber sie entlarvt Unsinn schneller. Der dritte Abstimmungstermin für eine Entscheidung, die gestern hätte fallen können, wirkt anders, wenn daheim ein Kind Fieber hat und niemand sonst übernimmt.

Ich sage das auch als Organisationsberaterin: Unternehmen verschwenden unfassbar viel Zeit und nennen es Kultur. Mütter haben dafür oft eine geringere Toleranz. Manchmal ist das keine schlechte Nachricht.

Natürlich brauchen Organisationen Verlässlichkeit. Teams dürfen nicht ständig kompensieren, was strukturell ungelöst bleibt. Doch genau deshalb sollten wir über Systeme sprechen, statt über einzelne Frauen, die angeblich „alles unter einen Hut bringen“ müssen. Dieser Hut ist ohnehin längst ein logistisches Hochrisikoprojekt.

Wer Mutterschaft zur privaten Störung erklärt, verpasst die Chance, Arbeitsstrukturen erwachsener zu gestalten: Klare Ziele, weniger Präsenztheater, bessere Übergaben, echte Priorisierung. Und schließlich Führung, die an Wirkung gemessen wird und nicht daran, wer abends noch am längsten online ist.

Der Preis für diese Sicht von Mutterschaft

Diese Debatte klingt schnell nach Kultur, nach Haltung, nach Diversity-Decks, aber im realen Leben von Müttern geht es um Gehaltseinbußen, Pensionslücken und manchmal auch um die Frage, wer sich nach einer Trennung die Wohnung leisten kann.

Wenn Mütter seltener befördert werden, niedrigere Angebote erhalten oder gar nicht erst in die Auswahl kommen, reden wir über Vermögensaufbau. Über Zinseszins, nur leider in die falsche Richtung. Ein verpasster Karriereschritt kostet nicht nur dieses Jahr Geld. Er verändert die Basis für die nächste Gehaltsverhandlung, den nächsten Bonus und die nächste Führungsrolle.

Darüber habe ich schon im Kontext von Care-Arbeit geschrieben, weil Blumen am Muttertag eben keine Rente zahlen: Muttertag - Warum Blumen keine Rente zahlen. Anerkennung ohne Geld bleibt oft ein sehr hübsch verpacktes Ausweichmanöver.

Und jetzt kommt der Teil, der mich regelmäßig wütend macht: Viele Frauen internalisieren diesen Rabatt. Sie verhandeln vorsichtiger. Sie bitten um Flexibilität und zahlen mit Gehaltsverzicht. Sie nehmen weniger, weil sie dankbar sind, überhaupt wieder „mitmachen“ zu dürfen. Als wäre berufliche Teilhabe ein Gnadenakt und keine wirtschaftliche Vereinbarung zwischen zwei erwachsenen Parteien.

In Gehaltsverhandlungen zeigt sich dieser Mechanismus brutal klar. Sobald eine Mutter glaubt, sie müsse ihre Flexibilität kompensieren, wird ihr Preis kleiner. Dann steht sie im Gespräch und nennt eine Zahl, die schon vor dem Aussprechen reduziert wurde, höflich, vernünftig und angepasst. Wie teuer Höflichkeit werden kann, habe ich hier beschrieben: Gehaltsverhandlung für Frauen: Warum dich Höflichkeit bares Geld kostet.

Die Frage lautet also nicht nur: Warum unterschätzen Unternehmen Mütter? Die härtere Frage lautet: Wo haben Mütter begonnen, sich selbst mit dem Blick dieser Unternehmen zu bewerten?

Was ambitionierte Mütter daraus machen können

Eine meiner Klientinnen schrieb nach ihrer Karenz ihren Lebenslauf um. Vorher hatte sie die Zeit fast versteckt, als wäre da ein Loch. Danach formulierte sie anders. Sie schrieb nicht „Karenz“ als stille Pause, sondern benannte die Rückkehr in eine verantwortungsvolle Rolle mit Fokus auf Stakeholder-Management, Priorisierung unter Ressourcenknappheit und Aufbau neuer Arbeitsstrukturen.

Klingt zu viel? Vielleicht. Aber ein Mann, der drei Monate ein internes Transformationsprojekt begleitet hat, findet dafür meist auch Worte mit Gewicht. Warum sollte eine Frau die komplexeste Umstellung ihres Lebens sprachlich kleinhalten?

Der Punkt ist nicht, Mutterschaft in Business-Sprech zu pressen, bis jedes Schlaflied nach Change Management klingt - bitte nicht, das wäre traurig, und außerdem würde irgendein Beratungsunternehmen daraus sofort ein Framework bauen.

Der Punkt ist Übersetzungsarbeit. Welche Kompetenzen sind entstanden, geschärft oder radikal getestet worden? Wo hat sich dein Blick auf Verantwortung verändert? Welche Entscheidungen triffst du heute schneller, weil du genauer weißt, was wirklich wichtig ist? Welche Art von Führung lehnst du ab, weil du im Privaten längst gesehen hast, dass Kontrolle keine Sicherheit erzeugt?

Wer seine Mutterschaft beruflich verschweigt, überlässt anderen die Deutungshoheit über ihren Wert.

Für Unternehmen heißt das: Hört auf, Mütter als Sonderfall zu verwalten. Fragt nach Ambition, statt sie zu erraten. Messt Output sauberer. Baut Karrierepfade, die Tempo variieren können, ohne Kompetenz abzuwerten und prüft bei Beförderungsrunden eure impliziten Annahmen, die nicht laut ausgesprochen werden: „Sie ist gerade erst zurück.“ „Mit zwei Kindern wird das schwierig.“ „Wir brauchen jemanden, der voll verfügbar ist.“

Voll verfügbar ist ohnehin ein Mythos. Manche Menschen sind körperlich im Büro und geistig seit Wochen im Widerstand. Andere arbeiten 30 Stunden und bewegen mehr als ganze Ausschüsse. Anwesenheit ist eine einfache Kennzahl, weil man sie zählen kann. Wirkung verlangt mehr Denkaufwand.

Für Frauen heißt das zugleich: Wartet nicht darauf, dass jemand eure Erfahrung automatisch richtig liest. Benennt sie, ohne euch zu entschuldigen und ohne Dankbarkeitsknicks. Überdenkt die Erzählung, dass ihr trotz Kind wieder leistungsfähig seid. Viele von euch sind auch durch das Kind anders leistungsfähig geworden.

Und ja, Mutterschaft ist kein exklusiver Kompetenzpfad. Menschen lernen Führung auch durch Pflege von Angehörigen, durch Krisen, durch Teamverantwortung, durch Krankheit, durch ehrenamtliche Arbeit, durch Leben. Genau deshalb sollten wir aufhören, lineare Lebensläufe für die saubersten Kompetenznachweise zu halten.

Vielleicht beginnt wirtschaftliche Gerechtigkeit an einer sehr unspektakulären Stelle: im nächsten Gespräch über eine Rolle, ein Gehalt oder eine Beförderung. Dort, wo eine Mutter nicht erklärt, warum ihr Kind kein Problem ist, sondern zeigt, welche Art von Verantwortung sie längst trägt.

Bitte macht daraus keine Heldinnengeschichte. Heldinnen bekommen Applaus und zu selten Budget.

Gebt Müttern Macht, Gehalt, Gestaltungsspielraum und echte Optionen. Dann sehen wir ziemlich schnell, ob Unternehmen wirklich Führungskompetenz suchen, oder nur Menschen, die so tun können, als hätten sie kein Leben.

Deep Dive

Häufige
Fragen

Viele Mütter erleben nach der Karenz subtile Vorurteile: weniger Zutrauen, kleinere Aufgaben oder Annahmen über ihre Verfügbarkeit. Das nennt man Maternal Bias – eine Form von Diskriminierung, die oft freundlich klingt, aber Karrierechancen begrenzt.

Wichtig sind klare Absprachen zu Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Entwicklungsperspektiven vor der Rückkehr. Dokumentiere deine Leistungen sichtbar und sprich früh über Rollen, Ziele und Erwartungen.

Benenn konkret, welche Verantwortung du übernehmen willst, statt dich nur für Verfügbarkeit zu rechtfertigen. Hilfreich ist auch, Erfolge, Entscheidungen und Prioritäten schriftlich sichtbar zu machen.

Viele Mütter trainieren unter hohem Druck Priorisierung, Krisenmanagement, emotionale Regulation und schnelle Entscheidungsfähigkeit. Das sind zentrale Kompetenzen für Führung, Projektarbeit und komplexe Organisationen.

Teilzeit ist nicht automatisch karriereschädlich, wird aber in vielen Unternehmen noch mit weniger Ambition verwechselt. Entscheidend ist, ob Verantwortung, Sichtbarkeit und Entwicklung auch in reduzierter Arbeitszeit möglich bleiben.

Words byLiz.Mag. Liz Matisovits

Psychologin, Organisationsberaterin, Systemdenkerin. Ich schreibe für Frauen die aufgehört haben, sich kleinzumachen.

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